Stühlchen wechsle dich

An einem Probentag des Projektorchesters im April 2011 kam es der 1. Posaunistin in den Sinn, die 1. Bassklarinettistin mit einer Schnappsidee zu belästigen: Könnte man denn nicht einfach mal für das nächste Stück die Instrumente tauschen? Darauf gab die 1. Bassklarinettistin mit ihrem mathematisch-logischen Verständnis zu bedenken, dass dies ohne vorhergehende Basisinstruktionen sowie mentale und praktische Vorbereitungsphase musikalisch nicht vertretbar sei.

 

Man traf sich also entgegen den Gepflogenheiten eines Durchschnittsmusikers außerhalb der regulären Probenzeit (!) in privaten Räumlichkeiten (!). Dass diese exakt mit der Postadresse des Musikvereins übereinstimmten, gab der ungewohnt vorbildlichen Aktivität immerhin etwas Vertrautheit.

 

Für die eine galt es die Herausforderung zu meistern, den sehr wohl schon bekannten, aber nicht mit einem Blasinstrument assoziierten Violinschlüssel zu interpretieren und das Gelesene durch Drücken der korrekten Kombination von vielen (vielen!) Klappen zu vertonen. Die andere war dankbar für die Präsenz des Klaviers, welches erlaubte die erzeugten Naturtöne auf Übereinstimmung mit dem Notierten abzugleichen; war sie es doch nicht gewohnt, trotz genauesten Befolgens der Anleitung noch aus einem Spektrum von vielen (vielen!) Tönen den richtigen herauszuarbeiten.

 

Schnell stellte sich heraus, dass 2 Zeitstunden nicht genügten, um in der nächsten Probe nicht schon beim Stimmton zu versagen, weil die eine nicht weiß, wie sie den richtigen von den vielen auf dem 1. Zug erreichbaren Tönen treffen soll und die andere nicht, welche von den vielen Klappen betätigt werden wollen, um ein klingendes B zu erzeugen.

 

Man beschloss bis auf weiteres die Montagabende zur Instrumentenlehre zu nutzen. Als der Enthusiasmus auch nach mehreren Wochen nicht abklang, schien der nächste logische Schritt nun die Integration in ein Orchester. Gesagt, getan: Vielklang fand sich um 2 Mitglieder reicher.

 

Die wöchentlichen Vielklang-Proben brachten den beiden mit Musik Großgewordenen unerwartete Einblicke in die Welt der spätberufenen Musiker. Die Posaune konnte die richtigen Töne jetzt nicht mehr mit Hilfe eines wohltemperierten Klaviers suchen, sondern musste sie ad hoc inmitten vieler Klänge finden. Die Bassklarinette andererseits wurde sich jetzt ihrer tragenden Rolle als Tieftöner im Zentrum des Orchesters bewusst. So wurde plötzlich auch glasklar, dass man nicht auch noch auf den Dirigenten schauen und auf andere Musiker hören kann, wenn das eigene Instrument noch ein Mysterium darstellt.

 

Das erste öffentliche Konzert nach nicht einmal sechs Monaten bestritt man mit erheblicher Anspannung, bedingt durch eingeschränktes Vertrauen in die erst kürzlich erworbenen und somit noch nicht gefestigten Fähigkeiten. Vom Ehrgeiz gepackt setze man sowohl den Besuch der Orchesterproben wie auch den gegenseitigen Unterricht fort. Dadurch entwickelte sich über das folgende Jahr hinweg das Können soweit, dass das nächste Konzert mit innerer Ruhe und Gelassenheit gespielt werden konnte.

 

Und die Moral von der Geschicht: unterschätzt eure Schnapsideen nicht!